10'000 Höhenmeter in 3 Tagen rund um Zürich? - ZüriEscape
- Bedo

- Jun 17, 2024
- 16 min read
Updated: Dec 27, 2025
Bist du des Wahnsinns? Und die andere Frage: Wie ist das rund um Zürich überhaupt möglich?

Die Antwort auf die zweite Frage war ZüriEscape. Eine 3-Tages-Tour rund um Zürich, die dieses Jahr zum ersten Mal stattfand. Die Strecke führte über 420 km und 10'000 Höhenmeter. Organisiert wurde das Ganze vom grossartigen Dominik Bokstalle und seinem noch grossartigerem Team, die sich auch den Wahnsinn rund um Dead ends & cake ausgedacht haben.
Das hätte eigentlich unser erstes Warnsignal sein sollen. Aber wer schaut schon so genau hin, wenn er sich für etwas anmeldet, das zum ersten Mal stattfindet. Und was sind überhaupt 10'000 HM? Das ist doch nur eine Zahl.
Wie verrückt das ist, erfahrt ihr in unserer 3- oder 4-teiligen Serie. Falls ihr GenZ seid und euch alles, was nicht in ein Meme passt, zu lang ist. ChatGPT hilft. 🤪
The leap of faith

Nach der Anmeldung und dem nötigen Losglück waren wir mit der Startnummer 80 dabei. Dann kamen die Fragen, was 10'000 HM bedeuten könnte.
Als erstes folgender Gedanke:
10'000 HM heisst; den Furkpass (2'429 m ü.M.) ca. 4 mal zu bezwingen. Und zwar nicht von 1'369 m ü.M. von Oberwald aus, sondern von 0. Von Oberwald aus wären es 10 Mal der Furka. Und die Strapazen vom letzten Jahr spüre ich heute noch.
Zweiter Gedanke:
10'000 HM heisst, wir müssen in 3 Tagen über den Mount Everest auf die Flughöhe eines JumboJets und wieder runter. Natürlich nicht in einem Stück. Zürich hat kein Himlaya-Gebirge. Zumindest keins, dass ich kenne. 🚵
Das Ziel war nun klar. Der Panik-Knopf war gedrückt. Leider gab es keinen Zurück-Knopf. Also mussten wir uns so gut es ging vorbereiten.
Aber wer sind WIR Weggefährten eigentlich?
Das Team
Wir sind Sven Lorenz und Bedrija (Bedo) Hamza. Ein sehr ungleiches Team.

Sven Lorenz (rechts) ist ein Draussen-Kind. Kennt wahrscheinlich jeden Berg und Hügel in der Schweiz durch seine Skitouren, sein Mountainbiking und sonstiges graveln. Sein Sohn konnte schon Rad fahren, bevor er richtig laufen konnte. Am liebsten ist er mit der Familie im Van unterwegs. Seine Haut hat wahrscheinlich mehr Sonne gesehen als der Zürichsee. Ein Draussen-Kind eben.
Bedo Hamza (links) nicht so sehr. Ich bin auch gerne draussen. Ich habe auch schon ein paar Mal die Alpen überquert. Mit meinem Hasenbart21 (ein Rose Backroad AL) habe ich die Schweiz schon zweimal umrundet. Habe die italienische PO-Ebene bei über 40 Grad überlebt und das Mittelmeer gesehen (der Hasenbart21 auch 🤩). Kann also auch ganz gut leiden und ich bin sehr dickköpfig, wenn es darum geht, das Ziel zu erreichen. Aber mein Limit bei Steigungen liegt irgendwo bei 10 Grad (Sven hat kein Limit). Alles darüber geht auch, aber nicht lange. Dann steige ich lieber vom Rad und gebe meinen Beinen etwas Abwechslung. 🤣
Die Welt muss mitleiden
Ich bin auch nicht der Typ, der seine Touren gross ankündigt. Da ist es einfacher, mit dem Postauto nach Hause zu fahren. 😊 Aber dieses Mal wollte ich es anders machen. Wenn schon ein Event das erste Mal stattfindet und berufsbedingt liebe ich erste Male (Ich liebe auch Instagram), dann doch bitte ein bisschen Promo dafür machen. Das habe ich auch über unser Instagram Zuhause gemacht.
Irgendwann haben wir von Andreas Westphal, auch ein sehr begnadeter Ultra Distance Cyclist, folgenden Beitrag bekommen:
Geht hin und schaut euch das Video an, der Beitrag hier kann warten. Jede Sekunde davon ist wahr. 😎
Das Video hat mich wieder an eines meiner Lieblingsintros auf einem Album erinnert.
Geteiltes Leid von Moses Pelham

Damit stand das Motto fest und die entsprechenden T-Shirts wurden bestellt.
Wie es mit den Vorbereitungen weitergeht und wie der erste Tag der Tour war, könnt ihr in einer Woche hier lesen. 🚵
Im ersten Teil haben wir die Frage gestellt, was 10'000 Höhenmeter bedeuten könnten. Wer es noch nicht gelesen hat, geh hin und tue es. 🤣
Die Vorbereitung

Die Geschichte mit dem Nicht-Wissen, was 10'000 HM eigentlich bedeuten, erinnerte mich sehr an die Jungs von "Swiss Mocean", von denen ich einmal das Glück hatte, zwei bei einer Veranstaltung kennen zu lernen. Sie wollten und haben den Atlantik im Ruderboot überquert, ohne je in einem Ruderboot auf dem Meer gewesen zu sein.
Zwei Lektionen habe ich mitgenommen:
Wenn man die Schmerzen für eine solche Tour trainieren könnte, würde man sie nie machen.
Die richtige Ausrüstung hilft schon. 😊
Ganz nach dem Motto von Steve Jobs mit Bedo's Twist:
Stay hungry, stay foolish. Don't be stupid.
Und so ging es an die Vorbereitung des Hasenbart21. Wie gesagt, nicht zum ersten Mal. 10'0000 HM schon, aber Mehrtagestouren mit über 10 Stunden im Stattel nicht. Velotaschen hatte ich alle. Wie immer, wenn man etwas Neues anfängt, habe ich alles gekauft, was ich mir leisten konnte, aber wahrscheinlich nie brauchen werde. 😂
Wir haben uns ziemlich früh entschieden, dass wir Iso-Mate und Schlafsack mitnehmen und schauen, ob wir unterwegs in der Nähe der Strecke übernachten können. Iso-Mate hatte ich, aber es passte nicht in meine Rahmentasche. Eine neue musste gekauft werden.
Schlafsack hatte ich auch. Aber bei einer Proberunde, die ich abbrechen musste, weil es nicht mein Tag war, habe ich ihn weggeworfen und ihm die Schuld gegeben, dass ich mit dem Postauto nach Hause fahren musste. Dann kaufte ich mir wieder denselben. So viel zu "Don't be stupid".
Ein kleiner Tipp: Etwas Billiges geht auch. Die Gewichtsunterschiede sind gar nicht so gross, wenn man ein bisschen hinschaut. Ich werde nie den Tipp meines Fahrradhändlers vergessen, als ich fast das Doppelte für ein Carbon-Gravelbike bezahlen wollte, nur um 1 Kilo weniger Gewicht zu haben als bei einem Alu-Rahmen. Der Fahrradhändler schaute mich an und sagte nur:
Bedo, geh vor der Tour einfach ein bisschen länger auf's Klo.
Abgesehen von der "gescheiterten" Proberunde wegen des blöden Schlafsacks, habe ich ca. eine Woche später den zweiten Anlauf genommen und bin in 3 Tagen von Zürich nach Frankreich (sprich Genf) gefahren.
Die Tour war natürlich sehr schön. Vor allem das Berner Oberland und dann die Fahrt nach Vevey waren der Hammer.
Aber: 3'000 Höhenmeter müssen wir am ZüriEscape an einem Tag bewältigen. Das war der einzige Gedanke, der mir danach durch den Kopf ging.
Die Woche vor dem Start
Nachdem wir nun gelernt haben, was 10’000 HM bedeuten können, habe ich versucht, möglichst anständig zu essen und auch auf das eine oder andere Bier verzichtet. Jedes Gramm zählt.
Aber: In der Woche vor dem Start habe ich dummerweise einen neuen Begriff gelernt.
“Carb up“: Eine große Menge an Kohlenhydraten zu sich nehmen, vorgeblich um Energie zu gewinnen; meist eine Praxis von Sportlern, insbesondere Läufern und Schwimmern”.
Und wie bei vielen Dingen, die man zum ersten Mal macht, kann man viel falsch machen. Natürlich habe ich es übertrieben und bin dementsprechend am Donnerstag mit einem viel zu schweren Magen ins Bett gegangen. "Don't be stupid, right."
ZüriEscape - Tag 1

Der erste Tag begann für mich um 04:45 Uhr. Der Hasenbart21 war natürlich schon am Vorabend gepackt. Kurzes Frühstück mit Kaffee. Nochmal ordentlich Duschen&Klo und dann konnte es losgehen. Start war um 6:00.
Zuerst ging es rechts den Uetliberg hoch. Laut Dominik war das von der Polizei so vorgeschrieben, damit nicht über 100 Leute zusammen durch den Wald rasen. Aber schon hier bekamen wir einen Vorgeschmack auf die nächsten drei Tage. Gut zu fahrende Waldwege, aber es wurde auch sehr schnell sehr steil, so dass die ersten absteigen mussten, um den Halt ihrer Schuhe zu testen. Ich natürlich auch. Hier hatte ich noch Verständnis für die Steilheit, später weniger. 😒

Oben angekommen fuhren wir rüber nach Wettingen. Das absolute Highlight war der Blick runter vom Heitersberg. Ein extrem cooler technischer Trail, der flach und sehr gut zu fahren war.
Dazwischen viel auf und ab. Aber bis auf zwei Stellen (an denen ich Dominik und den "scheissklebringen Schlamm" zum ersten Mal verflucht habe), die mit grossen Steinen gepflastert waren, war alles ganz gut zu fahren. Unterwegs haben wir ein paar neue Freunde gefunden. Die sind aber oft sehr schnell zu Sven nach vorne gefahren, weil ich doch sehr mit dem Schnaufen beschäftigt war. 😁

Nach einigen Abstechern in den Wald ging es hinunter zur Glatt. Wir waren schon 9 Stunden auf den Gravel-Bikes unterwegs. Und dann endlich Bedo's Wohlfühlzone. Mit 30 km/h am Fluss entlang. Erinnerungen an die wunderschöne Tour von Zürich nach Biel wurden wach (immer der Aare entlang. Ein absoluter Gravel-Traum). Die Motivation war wieder da.
Nach der schönen Glatt und vorbei an der Tössenegg kam schon das nächste Highlight. Der Aufstieg zur Hochwacht Irchel. Vorbei an wunderschönen Weinbergen und hinauf in den Wald. Hier wurden wir zum ersten Mal richtig nass. Etwas, das sich durch die ganze Tour ziehen sollte. Allerdings muss ich zugeben, dass ich von der Hochwacht nicht viel mitbekommen habe. Ich war zu sehr damit beschäftigt, einen Fuss nach dem anderen zu bewegen :-)
Der Regen kam wieder. Wir sind an dem wunderschönen Schloss Wart vorbei gefahren. Langsam wurde es auch sehr kalt. Ich hatte etwa 10 Minuten, um meine Regenhandschuhe anzuziehen. Die Kraft liess überall nach.
Das Leiden begann.
Der ursprüngliche Plan war eigentlich, nach dem ersten Checkpoint bei KM 140 ein schönes bedecktes Plätzchen für die Nacht zu suchen. Zwei Probleme: Das schönste überdachte Plätzchen hatten wir nach den römischen Ruinen schon verpasst. Andere gab es kaum. Und weil es so viel geregnet hat und wir eigentlich keine Lust hatten, 3 Tage mit nassen Klamotten zu fahren, haben wir uns spontan entschieden, doch ins Hotel zu gehen. Sven hat einen Tipp von einem ZüriEscape-Paar bekommen, dass ca. 20 km nach dem Checkpoint ein Hotel auf uns wartet. Mit offener Küche bis 21 Uhr. Natürlich sagten wir ja.
Erster Stempel
Seit dem Kindergarten habe ich mich nicht mehr so über einen Stempel gefreut. Und wer nicht schon fast 3'000 HM in den Beinen hat, kann sich nicht vorstellen, wie gut eine Bouillon schmeckt. Ein bisschen warmes Wasser, Salz und Kräuter können einen unglaublichen Geschmack entwickeln, wenn man vorher genug gelitten und gefroren hat. 🤩
Der Checkpoint war sehr schön gemacht. Mit Lagerfeuer und allem was dazu gehört.

Leider war die Pause sehr kurz. Denn es wurde langsam dunkel und wir hatten noch 20 km vor uns. 20 km gerade und flach, das schafft man in einer Stunde. Nicht so beim ZüriEscape. Wir mussten den ersten Teil nach dem Checkpoint entlang der Töss auf einem sehr sehr schmalen Trail fahren. Nicht nur über, sondern auch unter den Bäumen. Wer denkt sich so einen Wahnsinn aus. Wir mussten zu zweit die Gravelbikes durchziehen und dann durchkriechen. Nach 150 km. FUCK!
Es wurde langsam dunkel. Ich habe nur noch auf meinen Radcomputer geschaut und auf Kilometer 170 gewartet, Gummibärli gegessen und einfach nur gefahren, gelaufen und geflucht. Kilometer 170 kam, 175 kam. Bei ca. 178 ist Sven auf die Idee gekommen, dass er vielleicht doch noch mal gucken sollte, wo das Hotel genau ist. Die Kollegen haben sich um ganze 20 Kilometer verschätzt. 20 Kilometer bin ich früher zur Arbeit gefahren. Aber nicht über drei Hügel dazwischen.
Wir hatten kein richtiges Licht dabei und es ging immer rauf und runter. Wieder fluchen. Auf Sven, auf mich, aber vor allem auf Dominik. Ein, zwei, drei Hügel weniger, das wäre auch in Ordnung gewesen. 10'000 HM, ist ja nur eine Zahl. 9'500 wären auch eine super Leistung gewesen. Gopf.

Irgendwann hatte ich die schnauze voll, auf der Strecke zu bleiben. Ich brauchte nicht viel zu sagen, Sven merkte, dass bei mir die absolute Schmerzgrenze für diesen Tag erreicht war. Zum Glück kamen wir rechtzeitig vor dem nächsten Anstieg wieder runter von der Strecke und direkt ins Hotel.
Noch ein Wort zum Hotel: Wir haben im Post Hotel - Eschlikon übernachtet. Es muss dieser tranceartige Zustand sein, der im Video im ersten Teil (10'000 Höhenmeter in 3 Tagen in Zürich?) beschrieben wird, in den man fällt, wenn man das Etappenziel erreicht hat. Aber ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so nette Gastgeber erlebt wie an diesem Abend. Jede kleine Aufmerksamkeit, und sei es nur, dass ich nicht nach der zweiten Flasche Rivela fragen musste, war eine Offenbarung. Für jede Bewegung, die ich nicht machen musste, werde ich den Gastgebern ewig dankbar sein. :-)

ZüriEscape - Tag 2
Sven war so nett und hat mich bis 6 Uhr ausschlafen lassen. Kurz unsere Bikepacking-Bombe eingepackt und schon waren wir draussen.
Erst als wir morgens bei den Bikes waren, habe ich gemerkt, warum es am Ende nochmal so hart wurde. Es lag nicht an mir (natürlich auch ;-)) sondern an den ca. 5 Kilo Schlamm, die wir die letzten 30 Kilometer auf den Bikes mitgeschleppt haben. 😉

Zuerst hat sich Sven verfahren. Ganze 5 Kilometer und ich natürlich mit ihm. Hätten wir doch lieber noch ein paar Minuten länger geschlafen. 🤣
Aber dann haben wir den Weg wieder gefunden und bei Tageslicht wurde klar, warum es genau der richtige Zeitpunkt war, den ersten Tag zu beenden.
Der erste Teil ging steil, da kam Sven noch hoch. Aber im zweiten Teil musste auch er absteigen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie schön der Anblick war. Sven zu Fuss. Aber im Gegensatz zu mir musste er nicht alle 3 Schritte eine Pause machen. Drohnen als Lastenträger, das hätte ich mir dort gewünscht. Gibt kein Foto dazu. Glaubt mir, ich hatte andere Probleme.
Nach ein paar mal auf und ab. Und nach ein paar netten Plaudereien mit den LeidensgenossInnen kamen wir zu einem Stück mit sehr grossen Steinen und einer sehr steilen Abfahrt. Normalerweise sind die Abfahrten der "Fun-Part" bei solchen Sachen. Nicht beim ZüriEscape. Nach der Abfahrt habe ich meine Hände fast nicht mehr gespürt. Und ich musste Pausen machen. BEI EINER ABFAHRT. Das hat mich wieder an das Video im ersten Teil erinnert. Verdammter Dominik ;-)

Dann wurde es wunderschön. Im Tösstal durch die Schluchten, wo sich vom vielen Regen richtige Wasserfälle gebildet hatten, konnten wir einfach nur fahren und geniessen. Natürlich langsamer als am ersten Tag. Aber fahren.
Na ja, gemütlich war es nicht. Da kam mir mein Dickkopf doch sehr in die Quere. Ich habe nämlich von meinem Velo-Tech Experten Uponmysam den Tipp bekommen, zwischen 2 - 2.5 Bar in die Reifen zu pumpen. Natürlich wusste ich es besser und habe 3.5 Bar reingepumpt. Das macht wohl Sinn, wenn man den Fluss runter fährt. Aber 0, wenn man hauptsächlich bergauf fahren muss. Irgendwann habe ich den Dickkopf mit dem Hammer erschlagen und Luft rausgelassen. Man glaubt gar nicht, wie viel angenehmer das war. Jedes Bar zählt. 🤯
Dann kam die Hölle von Zürich. Am Ende des Tösstals ging es fast senkrecht nach oben. Und ich übertreibe nicht. Ich habe mich immer wieder gefragt, warum ein Mensch auf die Idee kommt, dort einen Weg zu bauen. Die Frage, warum Dominik auf die Idee kommt, uns da durchzujagen, habe ich mir gar nicht mehr gestellt. Masochismus, etwas anderes kann ich mir nicht vorstellen ;-) 3 Schritte, Puls auf 150 hoch, Pause. Das war mein Rhythmus.

Und es wurde immer schlimmer. Irgendwann war die erste Leiter zur Hölle überwunden. Und wie es sich für einen Quälgeist gehört, macht er dir zwischendurch Hoffnung, dass es vorbei ist. War es aber nicht. Das Schlimmste kam erst noch. Der Aufstieg zum "Tanzboden". Schon der Name ist sehr sehr zynisch. Der Aufstieg durch den Wald wollte einfach nicht enden. Aber man sah immer das Licht am Ende.
Das Bild täuscht extrem. Auf einer VisionPro könnte man die Quallen wohl erahnen. Es sieht so schön aus, war es aber nicht. Es ist Teufelswerk. 🤣
Oh, wie naiv ich war.
Im Nachhinein muss ich immer an die Zeilen von No Leaf Clover von Metallica denken:
Then it comes to beThat the soothing light at the end of your tunnelWas just a freight train coming your way

So war es. Nicht der Himmel, sondern ein schwerer Güterzug kam mir entgegen. Als wir aus dem Wald herauskamen, wurde es noch einmal sehr steil und sehr lang, bis wir den Tanzboden erreichten.
Die Aussicht von dort oben auf den Zürichsee war wunderschön. Ich hätte auch gerne gefeiert, wenn ich mit dem Helikopter dorthin geflogen wäre ;-)
Getanzt wurde auch, aber anders als man sich das vorstellt. Der erste Teil des "Abstiegs" war nämlich ein "AbLAUF". Oben war kein Weg, nur Wiese. Sturz im Stehen, weil ich zu langsam aus den Klickpedalen gekommen bin. Einmal links, einmal rechts probiert. Zäune überwunden. Und dann doch den Weg gefunden. Weg, naja. Für Kühe mag das gehen, für Gravel-Bikes semi.
Irgendwann haben wir dann doch eine Abfahrt gefunden. Zweiter Tag auf dem Gravel-Bike. Man hat wieder ein Gefühl für das Bike entwickelt. Dann langgezogene Kurven. Rein in den Wald, raus aus dem Wald. 30, 40, 50 km/h. Ein absoluter Traum. Das Lachen war wieder da.
Und unten wurde es flach. Ziegelbrücke, Glanerland, Checkpoint. Wieder wurden wir sensationell verpflegt.
Eine Frage blieb: Weiterfahren und auf einen überdachten Unterschlupf hoffen oder ein Hotel suchen. Man kann sich vorstellen, für welche Variante sich Sven entschieden hätte. Aber ich hatte genug vom Tanzboden und vom letzten Abend. Leiden kann ich, aber ab und muss sich die Vernunft durchsetzen. Unser Kompromiss war, wir gehen ins Hotel. Dafür morgen um 4 Uhr wieder weiter.
ZüriEscape - Tag 3

4 Uhr morgens. Kaffee, (das komische Essen), Banane. Bickepacking-Bombe wieder eingepackt. Rauf auf die Gravel-Bikes. Es war 5 Uhr. Die Sonne kam langsam zwischen den 2'000 raus. Herrliche Stimmung. Noch Pipi in den Augen, aber glücklich, nach der Dusche am Vorabend.
Und dann ging es wieder los: Von 500 auf 1'500 Meter. 3 Stunden Aufstieg. Alles fahrbar, ruhig, keine Autos, kaum Menschen. Nur du und das Bike. Der Dominik hat doch ein Herz. 😂
Im letzten Teil nächste Woche erfahrt ihr, warum man seinem Gehirn nach 10'000 Höhenmetern nicht mehr trauen kann und was wir für das nächste Abenteuer gelernt haben. Wenn überhaupt. 🤣
Weitere wunderschöne Bilder gibt es hier: ZüriEscape - Bilder
Und dann ging es wieder los: Von 500 auf 1'500 Meter. 3 Stunden Aufstieg. Alles fahrbar, ruhig, keine Autos, kaum Menschen. Nur du und das Bike. Der Dominik hat doch ein Herz. ❤️
Richtiges BikePACKing
Oben sind wir natürlich wieder auf einer Wiese gelandet. Dort haben wir richtiges "Bike-Packing" gemacht. Es war so matschig, dass wir die Räder "packen" und über Bretter tragen mussten. Wie richtige Piraten eben.
Nächste Abfahrt: Noch schöner als die vom Tanzboden. Das Gravel-Bike ist jetzt eins mit dir geworden. Du weisst, wann du aufstehen, wann du einen Millimeter nach vorne gehen musst. Die Gänge stimmen immer. Langsam wird es wieder bequem auf dem Ding. Der Körper hat sich darauf eingestellt. Man hat schon sehr viel gelitten. Jeder Handgriff sitzt. Ab dem 3. Tag fängt normalerweise der Spass bei längeren Touren an. Man wird schwereloser. Normalerweise.
Nicht so beim ZüriEscape. Unten angekommen, ging es natürlich wieder hoch. Wieder steil. Vorbei an einer schönen Kirche. Vorbei an einem wunderschönen Panoramaweg. Immer weiter hoch.
Die Panzer-Velos
Es war Sonntag. Herrliches Wetter. Kein Regen. Alle Menschen waren draussen mit ihren 3 Tonnen Autos. Ich hasse Autos beim Velofahren. Am schlimmsten waren aber die Panzer-Velos aka E-Bikes. Es ist überhaupt nicht lustig, wenn die einem bergauf in einem Karacho überholen und man schiebt und schwitzt. Ich kenne das Gefühl, ich habe selbst ein E-Bike. Aber ich grüsse immer anständig, wenn ich einen armen Kärli mit Biosprit bergauf überhole.
Es ging über einen Flachlandpass mit vielen Töffli-Bube und Gümmler. Auch die haben mich genervt. Wie alles, was nicht direkt mit dem ZüriEscape zu tun hatte.
Toleranz ist etwas für Leute, die weniger als 8'000 Höhenmeter in den Beinen haben.

Über den Sihlsee und Einsiedeln ging es zum Ägerisee. Zwischendurch gab's Pommes, Gummibärli und Steinwege.
Danke Schweiz
An dieser Stelle möchte ich mich kurz bei der Schweiz bedanken. Etwas, was es so (und da bin ich mir zu 100% sicher) auf der ganzen Welt nicht gibt.
Mein Hauptproblem auf langen Strecken sind selten die Beine. Ab und zu der Betonkopf. Der hilft aber oft auch. Sondern der Magen. Ich habe eine Laktoseintoleranz und bin sehr undiszipliniert, wenn es darum geht, die blöden Tabletten zu schlucken, bevor ich mein Schoggi Brötli esse. Und bis zum 3. Tag habe ich viel "Mühl" gegessen, das gibt schnelle Energie. Oder wie Sven mir erklärte, die "falschen Freunde".
Also der Magen hat sich wieder gemeldet. Und wollte den Inhalt loswerden. Und man glaubt es nicht. Mitten im Nirgendwo kamen wir an der saubersten Toilette der Welt vorbei. Und es roch nach Lavendel. Nach verdammten Lavendel. Schweiz, ich liebe dich.
10 Kilo leichter ging es flach weiter. Die Gelegenheit, Svens Fähigkeiten als Windblocker zu testen. Er vorne, ich an seinem Hinterrad. 20 Kilometer mit 25 km/h. Normalerweise wären 30 km/h drin gewesen, aber die Anstrengung ging auch an ihm nicht spurlos vorbei. Hab's ihm natürlich nicht gesagt, mich nur bedankt.
Vom Ägerisee ging es wieder bergauf. Der vorletzte grosse Anstieg. Lang aber relativ flach, alles fahrbar, mit Hammerblick auf den Ägerisee. Steigung ist nicht gleich Steigung. Alles ist relativ. Vor allem beim Gravel-Biken. Das Ziel kam immer näher. Die Nacht auch. Die Abschlussparty war nicht mehr zu schaffen. Sven ist heute noch sauer auf mich.
Endlich wieder flussabwärts
Nächster Teil: Shiltal. Ohh, wie habe ich diesen Teil geliebt. Flussabwärts durch den Wald. 20, 25, 30 Stundenkilometer. Meditation pur. Mit ein paar Hügeln dazwischen. Durch Tunnel, über Wanderwege, weil wir uns den langen Tunnel nicht getraut haben (Ihr wisst schon, Güterzug. We are not stupid).
Rein in meine Hausstrecke. Hier kenne ich fast jeden Stein. Das Ende ist nah. Fast kann ich meine Wohnung sehen. Noch ein Hügel. Ein letzter Anstieg von 500 auf 800 Meter. 300 Höhenmeter.
Nach 3 Tagen und fast 10'000 Höhenmetern weiss ich, dass es nicht nur eine Zahl ist, dass es relativ ist, dass es darauf ankommt, wie die 300 Höhenmeter aussehen. Schotter oder Strasse? Steil oder flach? Kurven oder nicht?
Traue niemandem, auch nicht deinem Gehirn.
Inzwischen, und das stimmt wirklich, habe ich gemeint, dass der Dominik geschrieben hat, dass man den letzten Teil nicht machen muss. Das ist nur was für sehr ambitionierte Fahrer. Das war in der E-Mail. Ich war mir 100% sicher. Der Sven hat nur gelacht.
Wir wurden nicht enttäuscht: Der letzte Anstieg war nicht flach. Es ging nur steil bergauf.
Ich habe einen Fuchs gesehen. Das ist das letzte Zeichen, dass man hier nichts zu suchen hat.

Aber zwei Dinge haben mich hochgezogen: Die Graffitis auf dem Boden, die nicht für mich waren, aber mich unglaublich motiviert haben. Und die Freunde und Familie, die immer wieder eine Nachricht geschickt haben, weil sie den Ride auf Dot Watch verfolgt haben. Etwas anzukündigen, ist nicht immer schlecht.
Sven war wieder weg. Ich folgte ihm. Oben angekommen, war es schon fast dunkel.
Zürich holte die Kerzen raus und zündete sie für uns an. Wunderschön.
Der höchste Punkt war erreicht. Der letzte Hügel überwunden. Mehr als 10'000 Höhenmeter standen auf dem Velocomputer. Sven und ich umarmten uns und fuhren hinunter. Den Champagner haben wir natürlich vergessen.
Was für ein Abenteuer.
10'000 DANK
Danke an Dominik, seine Frau und alle, die das möglich gemacht haben. Vor allem die Sponsoren. @transa.ch @vertical_coffee @monopole.cc Ohne euch wäre es nicht möglich gewesen.
Ein besonderer Dank geht auch an Matzeee, der uns immer angefeuert hat und am Ende noch ins Ziel gekommen ist, um uns zu begrüssen.
Und zum Schluss an meinen wunderbaren Kollegen:
Sven Lorenz - Ohne dich wäre es nicht gegangen. Geteiltes Leid ist doch halbes Leid.
Noch heute, mehr als einen Monat später, denke ich an diese unglaubliche Reise vor meiner Haustür. Ich bin unglaublich stolz auf das, was wir erreicht haben. Und unglaublich dankbar, dass wir es geschafft haben.
Das Warum
Für den Flow und das Gefühl vom Fliegen. Das kennen fast alle, die etwas besonders intensiv machen. Produkt-Entwickeln, Surfen, Auto-Rennfahrer, Turnern, Volleyball-Spielen.
Das unglaubliche Gefühl, wenn man die Schmerzen überwunden hat, wenn man genug gelitten hat, wenn man das Leiden annimmt und es nichts mehr anderes gibt, als dich und dein Bike. Wo du eins mit der Welt bist, in Gedanken irgendwo und plötzlich feststellst, dass du mit 30 km/h durch eine wunderschöne Landschaft fährst.
Ein Körper, der sich schwerelos durch Raum und Zeit bewegt.
Je steiler es hochgeht, umso wunderschöner geht's runter. Tanzen auf dem
Tanzboden ist was für Anfänger. Wir lieben das Fliegen.




































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